Talent Annett Kaufmann darf nach Sieg über Lang sogar vom Titel träumen

Bei den Herren zieht Fanbo Meng erstmals ins Halbfinale ein / Überraschungen durch Stumper und Meissner

Bremen. Bei den 89. Deutschen Meisterschaften in Bremen hat sich am ersten Turniertag der Tischtennis-Nachwuchs in den Vordergrund gespielt und für faustdicke Überraschungen gesorgt. Mit der erst 15 Jahre alten Annett Kaufmann erreichte die aktuelle Europameisterin der Schülerinnen das Halbfinale im Damen-Einzel, bei den Herren schaffte Förderkaderspieler Fanbo Meng (20) erstmals den Sprung in die Vorschlussrunde. Zuvor bereits hatten Jugend-Europameister Kay Stumper und Cedric Meissner die Elite im Achtelfinale aufgemischt. Last, but not least greift mit Franziska Schreiner/Tobis Hippler im Mixed ein Nachwuchsduo erstmals nach dem Meistertitel.

Beeindruckende Kaufmann macht 2:3-Rückstand gegen Lang wett

Kaum mehr als einen Monat ist es her, dass Annett Kaufmann bei den Jugend-Europameisterschaften in Varazdin (Kroatien) mit drei Goldmedaillen in der Schülerinnen-Konkurrenz (Einzel, Doppel, Mannschaft) und einer Bronzemedaille im Mixed zur überragenden Spielerin des Turniers avancierte. Einen kurzen Surfurlaub in der Türkei und nur knappe drei Wochen Saisonvorbereitung später schickt sich die 15-jährige Linkshänderin nun an, auch bei den Deutschen Meisterschaften der Damen nach den Sternen zu greifen. Vollkommen unerwartet zog die Böblinger Bundesligaspielerin mit einem 4:3-Erfolg über die topgesetzte Kristin Lang (Kolbermoor) in das Halbfinale ein. Der Sieg über den Routinier, dekoriert unter anderem mit drei deutschen Meistertiteln im Einzel und zwei Europameisterschaften im Doppel ist ein ganz besonderer. Nur wenige Spielerinnen in Deutschland rufen ihre Leistung mit der Konstanz wie die 36-Jährige ab.

Kaufmann: „Ich weiß gar nicht, wie meine Nerven das ausgehalten haben“

Umso mehr freute sich Küken Annett Kaufmann über den 11:9-Erfolg im Entscheidungssatz, bei dem sie einen 2:3-Satzrückstand und den Verlust des fünften Durchgangs mit 1:11 gegen ihre erfahrene Kontrahentin scheinbar unbeeindruckt wegsteckte: „Ich bin total überwältigt!. Mit diesem Sieg hätte ich nie gerechnet, denn Kristin ist eine sehr starke und sehr konstante Spielerin, die wenig Fehler macht. Ich bin einfach nur überglücklich, auch mit der Art und Weise, wie ich gewonnen habe. Ich hatte auch noch Selbstvertrauen, nachdem ich 2:3 hinten lag. Nach dem Ausgleich zum 3:3 waren dann beide nervös. Ich weiß gar nicht, wie meine Nerven das ausgehalten haben.“ Ihre Gegnerin im Halbfinale am Sonntagvormittag ist nun die U21-Europameisterin von 2017, die Langstädterin Chantal Mantz. Nochmals Kaufmann: „Ich werde ich einfach einmal schauen, wie es läuft. Heute ist heute, morgen ist morgen – das Spiel gegen Chanti ist vollkommen offen.“

Im zweiten Vorschlussrundenspiel stehen sich zwei etablierte Nationalspielerinnen gegenüber: Die Meisterin der beiden letzten Jahre, die Berliner Mixed-Europameisterin Nina Mittelham, und Sabine Winter, die zuletzt bei den Europameisterschaften in Warschau an der Seite ihrer morgigen Kontrahentin Silber im Doppel gewann.

Fanbo Meng gewinnt das Duell der Talente gegen Cedric Meissner

Für die größten Überraschungen im Feld der Herren sorgten im Achtelfinale Kay Stumper und Cedric Meissner. Jugend-Europameister Stumper, zuletzt bereits in der TTBL beim Erfolg über Schwedens WM-Zweiten Mattias Falck in bestechender Form, beendete mit 4:1 die Titelträume des an Position eins gesetzten Düsseldorfers Dang Qiu. Der 18 Jahre alte Neu-Ulmer blieb sagte nach dem Erfolg über die Nummer 51 der Welt: „Am Anfang war es ein Abtasten, denn Dang und ich hatten noch nie gegeneinander gespielt. Es läuft in diesen Wochen ganz gut bei mir, ich habe mich auf einem höheren Grundniveau stabilisiert.“ Kaum eine halbe Stunde später musste Ricardo Walther seine Hoffnungen auf die Titelverteidigung begraben. Der Grünwettersbacher fand bei seiner 2:4-Niederlage kein probates Mittel gegen die gefährliche Vorhand des 21 Jahre alten Cedric Meissner (Bad Homburg), der sich schon im Vorjahr in Chemnitz bei seinem Erfolg über den Weltranglisten-17. Patrick Franziska als Favoritenschreck entpuppt hatte. Der olympische Silbermedaillengewinner mit der Mannschaft erholt sich aktuell ebenso noch von den Tokio-Strapazen wie seine Teamkollegen Dimitrij Ovtcharov und Timo Boll.

Wenngleich Stumper und Meissner bei den Herren die größten Überraschungen gelangen, der Sprung in das Halbfinale gelang den beiden Talenten nicht. Stumper musste im Viertelfinale die Überlegenheit des Weltranglisten-42. Benedikt Duda (Bergneustadt) anerkennen. Der Ergänzungsspieler des deutschen Olympiateams, der im Doppel mit Dang Qiu noch um seinen vierten Titelgewinn in Folge kämpft, trifft im Halbfinale nun auf einen weiteren Spieler des deutschen U23-Förderkaders, der in den vergangenen Monaten erhebliche Fortschritte machte. Der Fuldaer Fanbo Meng stoppte in einem Duell der Linkshänder den Siegeszug von Cedric Meissner.

Abwehr-Angriff-Duell Filus gegen Steger im Halbfinale

Am spannendsten machten es im Viertelfinale die Routiniers Ruwen Filus und Bastian Steger, von denen die Zuschauer in der ÖVB-Arena nun am Sonntag ein sehenswertes Abwehr-Angriff-Duell auf Biegen und Brechen erwarten dürfen. Der 40 Jahre alte Bad Königshofener Steger darf nach seinem umkämpften 4:3-Sieg über Steffen Mengel (Mühlhausen) nun weiter von seinem dritten deutschen Meistertitel nach den Erfolgen 2011 und 2012 träumen: „“Es war heute von Anfang an klar, dass es gegen Steffen eine enge Kiste wird. Der letzte Satz mit 10:0-Zwischenstand war natürlich etwas kurios, das war vollkommen unerwartet. Insgesamt bin ich froh, das bessere Ende auf meiner Seite gehabt zu haben. Morgen gegen Ruwen wird es sicherlich auch wieder ein ausgeglichenes Match. Schauen wir mal, wer am Ende die Nase vorne haben wird. Ich hoffe natürlich, dass ich das sein werde.“

Der Weltranglisten-35. Ruwen Filus sicherte sich am Abend in einer spektakulären Marathon-Partie einen 4:2-Erfolg über einen weiteren DTTB-Youngster, den 22 Jahre alten Kölner Tobias Hippler. Der Finalist des WTT Star Contender von Doha war anschließend froh, den Entscheidungssatz verhindert zu haben: „Tobi spielt sehr gut, macht wenig Fehler, bringt auch viele Bälle zurück. Dadurch war es ein mental und körperlich sehr anstrengendes Spiel.Deshalb war ich auch froh, dass es keinen siebten Satz gab. Insgesamt bin ich mit meiner Leistung zufrieden. Aber mit der Rückhand war ich heute etwas zu passiv, auch meine Abwehrbälle kamen etwas zu hoch. Gegen Basti wird es sehr schwer, er konzentriert sich hier voll aufs Einzel. Aber ich habe vor ein paar Jahren meine erste DM-Medaille mit einem Viertelfinalerfolg über ihn geschafft. Daran werde ich mich erinnern und alles reinlegen.“

Ruwen Filus: „Wieder mit Publikum zu spielen, ist ein Motivationsschub“

Die Zuschauer, die erstmals seit Beginn der Pandemie wieder bei einer Großverstaltung des DTTB zugelassen sind, dürfen sich in der ÖVB-Arena auf ein spektukäres Match freuen. Ruwen Filus: „Ich bin sehr froh, dass endlich wieder Publikum in der Halle ist. Das ist toll für die Zuschauer, das freut mich für sie. Aber es ist auch schön für uns Spieler. Mir persönlich gibt das immer einen zusätzlichen Motivationsschub. Ich hoffe, dass ich morgen viele sehenswerte Punkte spielen kann, die das Publikum auf meine Seite bringen.“

Zur Komplettierung der glänzenden Vorstellung der deutschen Talente: Mit der 19-jährigen Franziska Schreiner (Langstadt), die in dieser Woche die U21-Konkurrenz der Czech Open gewann, und Tobias Hippler greifen auch im Mixed zwei Nachwuchsspieler nach dem Meistertitel. Im Halbfinale besiegten sie Kristin Lang und ihren Partner Michael Servaty und sind im gesamten Turnier noch ohne Satzverlust. Gegner im Finale sind Katharina Michajlova/Erik Bottroff (Staffel/Dortmund). Im Doppel werden die Finalisten erst am Sonntag ausgespielt.

Bericht: Manfred Schillings

Foto Guido Schiefer